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Samstag, 25. September 2010

Des Eroberers Turm

(English version here)


Binnen zwölf Kilometer des Los Angeles Rathauses, gibt es zahlreiche Mietshäuser, die in den 1920er Jahren aufgebaut worden sind.  Für uns hier ist das richtig alt, nicht so sehr an sich selbst, aber deswegen weil sie uns an  ein früheres Zeitalter errinern,  die  uns anscheinend so entfernt ist wie das europäische Mittelalter.  Der Volksweisheit zufolge, ein Jahr im Leben eines Hundes gleicht sieben Jahre des Menschen.  Ähnlicherweise, in Bezug auf architektureller Geschichte, ein Gebäude in Los Angeles die nach 90 Jahren noch erhalten ist, lässt hier Wunder und Neugier an, ebenso wie ein in 1410 gebautes Bürgerhaus in Göttingen oder Rothenburg. 
 Wer in den 1960s oder 1970s hier aufgewachsen ist,  hat meistens in Schulgebäuden gelernt, die jünger als die Schüler waren.  Ähnlicherweise hat man oft in einen Haus gewohnt, daß ebenso jünger als die Besetzer ist. 


Es gibt drei Hauptgründe dafür.  Erstens, ab etwa 1920 die blitzschnelle Bevölkerungswachstum sorgte dafür, daß die einzelnen Nachbarschaften und Stadbezirken in kontinuellem Wandel begriffen waren.  Wo einst Wohnhäuser standen, wurden nun jetzt Geschaftshäuser gebaut; die laufende Verfügbarkeit billiger Grundstücke und PKWs brachten die Suburbanisierung an—sowie den Abriss zahlreicher historischer Hotels und anderer historischen Gebäude der Innenstadt, die an die Cowboys und Rancheros ihrer frühesten Geschichte errinerten, um Parkplätze zu versorgen.   Zweitens waren es die Erdbeben und Wiederaufbau vieler Gebäude, und drittens ungeheuerliche Wiederaufbauprojekte, darin die meisten Wohnunungen der Zentralstadt abgerissen worden sind.    Ab 1950 bis 1990 ist die Zentralstadtbevölkerung Los Angeles drastisch geschwunden, bis zu einem Bruchteil ihrer Hohepunkt etwa im Jahre 1950.  Das ist wegen u.a. des Bunker Hill Redevelopment Project und, natürlich, des Suburbanisierungtrends geschehen. 
Heutzutage hat sich die Lage wesentlich geändert.   Der Bevölkerungswachstum nimmt immer noch an, doch—zum Vergangenheit im Vergleich—viel langsamerer.  Die bestehenden Nachbarschaften haben sich stabilisiert, und die noch existierenden Gebäude von den 1920s dürfen meistens weiterstehen.  Endlich können sich die Angelenos alte Bauten anschauen, und sich darüber wundern, was sich "vor Zeiten"  binnen derer Türe vollgezogen hat.  Wenn nur die Wände reden könnten...

Und wir werden sehen, das können sie schon.

Stellen wir uns vor: wir laufen südwarts North Van Ness Avenue entlang und betreten gerade den 800-Block.  Wir befinden uns im östlichen Hollywood und kommen an die Paramount Studios vorbei. In mittlerer Ferne erspähen wir ein merkwürdiges Mietswohnhaus, von den Bäumen eines alten Baumes umrahmt.


Wem gehört diese starken Mauern? Wir bringen Geschenke.


Hmmm.  Die rote Fassade und rosa Seitenwände sind ziemlich sonderlich, und das Haus ist wesentlich größer als die kleineren Mietshäuser und Einzelfamilienhäuser in der Nähe.  Es errinert uns ein bißchen an die buntgemalten Viktorianisch-Häuser, die in San Francisco zu sehen sind.  Sonst fällt uns nichts Sonderliches auf.

Bummeln wir doch ein par Meter weiter heran.   Nun drehen wir uns nach links, und -- sehet da! -- da steht das Haus Alexander, Herrscher aller Welt, vor dessen Mäjestät wir schaudern!

Ich weiß nicht, ob man Alexander vom Anfang an hier den Eroberer so beehrt hat, oder ob das Haus vor zwei Jahren an einem Griechen oder Mazedonianern verkauft worden ist.   Doch weiß ich einiges schon: Es ist sehr zu freuen, daß der Gebäudeeigentümer den namen ALEXANDER auch im korrekten Griechischen aufgeschrieben hat: ΑΛΕΞΑΝΔΡΟΣ.

Jetzt wollen wir auf die Details dieses ehrfurchtgebietendes Anbaus genauer eingehen.  Was habe ich schon über redenden Mauern gesagt?  Das diese hier schon sehr fliessend spricht, ist nicht zu verleugnen.  Aber ob sie etwas Wertvolles zu sagen hat ist unklar.

Wo sich die Schnecken ausruhen
Wir bemerken zuerst das dekorative Muster, das etwa eine Schneckenherde ähnelt.  Eine Schnecke sitzt bequem auf dem Rohrenendverschluss.   Im Bezug aufs Schild, man darf sagen, daß bessere Reklamewahrhaftigkeit bisher noch zu entdecken ist:  Ein weiteres kühnes Bauprojekt.  Kühn?  Offensichtlich!


Bezüglich der "Schnecken", manch einer glaubt, der Maler habe das klassische Griechische Verierungsmuster nachbilden wollen, wie dies hier--




doch habe er nicht genau gewußt, wie es ausseshen soll.   Doch glaube ich das nicht.  Wer "Alexander" auch im Griechischen zu schreiben weiß, der soll den Unterschied klar verstehen können!  Meiner Meinung zufolge, ist der Maler oder der Hauseigentümer von seiner Bewunderung Alexanders und der klassischen Griechen so sehr bewegt worden, daß er sich bloß gesagt hat: Wir wollen Schnecken malen!  Oder Aale!  Oder Seilenrolle--oder irgend sonst was, das sich aufrollen lässt.  Wieso Rollen?  Ich weiß nicht.


Und es gibt noch weiteres.  Dieser Unbekannte hat das Gebäude mit achtbaren Nachbildungen klassischer Basreliefs geschmückt.  




Und das Profilbild des mächtigen Eroberes, direkt über der Haustür (und unter der Feuerleiter), braucht man kaum zu erwähnen.


Die Hauptpforte
Dreitausend Jahren sind vorbei, da König Priam gesaget hat: "Machet nicht die Pforte auf, so ein großes Pferd passt nimmer herein.  Stattdessen, rufet ihr das Warenhaus an, und saget ihnen, wir haben uns anders entschieden!"  Doch, wir sollen in Griechenland sein, daher war das Problem, das Riesenpferd herauszubringen.
 

Man bemerkt sofort daß diese Tür zum aesthetischen Muster des restlichen Gebäude nicht genau anzupassen scheint.  Es ist zu vermuten, daß die originelle Tür ersetzt worden ist, denn diese, die wir hier sehen, ist ein gutes Exemplar des Jugendstils--und daher etwa 20 Jahren bevor das Baudatum des Hauses--1927--entstanden ist.


Und jetzt verabschieden wir uns vom Haus Alexanders, Eroberers der Welt.  Demütig gestehen wir, daß wir die Anzahl an ekzentrischen Kleinoden der Stadt bei weitem unterschätz haben.

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